Abschuss
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Kurt Cobain schoss sich in den Kopf und das war´s

Das Ende eines Glaubens an Musik als etwas Wahres hat ein Datum

Als Kurt sich 1994 in den Kopf schoss, hatten die Geschäftsleute die Schlinge um ihn dicht gezogen, wie sie meinten. Sie hatten in jahrelange vertragliche Verpflichtungen hinübergezogen, was wild und mit viel Spontaneität begonnen hatte und so zu bleiben wünschte. Sie hatten mit ihrer einseitigen Beharrlichkeit abzumildern versucht, dass er eine launische Botschaft zu den Leuten brachte.

Ihre einseitige Beharrlichkeit beruhte darauf, dass Kurt und seine Botschaft und sein Dasein ihnen scheißegal war. Sie waren aus ihren Löchern gekrochen, als er es geschafft hatte. Als er den Durchbruch hatte, wie ihn die frühen Rock-n´-Roller von 1957 bis 1960 hinlegten und die Beatles ab 1964.

Schon damals, bevor die Beatles wieder in der eigenen Band die Lieder verfassten und damit schlicht besser waren, hatte die poppige rebellische Jugend-Musik - und von der redet dieser Text - im fast kompletten Delirium gelegen: US-amerikanische Fremdschreiber hatten die Selbstdarstellung der Bands und ihre Texte zurück in jene schreckliche Konsumierbarkeit gezwängt, wie sie Frank Sinatra nie verlassen hatte.

Die einseitige Beharrlichkeit der Geschäfsleute als Killer von Jugendmusik, die erstmals vom Britpop, also aus einem andern Land mit der gleichen Sprache heraus, weggedrängt wurde und dann während der dreißig tollsten Jahre der Jugendmusik, erst dank nichtalkoholischer Drogen, dann dank Punk, nicht mehr die Oberhand gewann über das Launische und Gefühslechte, diese Beharrlichkeit beruht natürlich auf einem von der Musik vielbesungenen Problemthema: Dem eingespielten Geldbetrag.

"Ey Nemo, jemand hat dir in Berlin eine Häuserwand gemalt!" bekam ich als Nachricht mit Foto.

Berlin? Da sind wir nicht aufgetreten als "Cäptn Nemo und die Schrill Girls". Nur in Chemnitz und Leipzig. Aber denkbar ist es ja, dass der Maler an uns gedacht hat. Dankeschön!

Nun wurde auch Kurt Cobain eingeflüstert und aufgedrängt, er bekäme vielleicht fünf Prozent des immensen Geldes, das andere für sich anhand seines Erfolges einnahmen. Da brachte er sich um, und ein giftiger Wespenschwarm aus Geschäftsleuten guckte dumm. Machte dann natürlich seinen Tod noch zu Geld. Aber Kurt starb als Held. Und er blieb dann bis heute der letzte Aufrechte, der Riesen-Erfolg hatte.

Die Musikbranche als Ganzes guckte in den Folgejahren dumm: Die Digitalisierung wirbelte ein seit dem Durchbruch der Langspielplatte etwa 1965 eingeschliffenes Geschäft durcheinander. Also die Zwischenhändler, die sich soviel Rechte gesichert hatten, dass für den Musiker zwar die Mädels, aber nicht die Kohle übrig blieben, saßen auf zunehmend löchrigen Booten. Ihr Jammern und ihr geheuchelter Tod rühren mich nicht. Diese Geld-mit-Musik-Macher hatten Kurt Cobain umgebracht.

Der Musikfan kam dank der Digitalisierung an die Musik ran, die ihm die Geldmacher zuvor vorenthalten hatten, die manipuliert, kastriert in dumm-teuren Häppchen zuvor verkauft wurde. Ich als Musikfan holte über das Internet und über den Tausch ganzer Festplatten, die mit Musik bespielt waren, bis 2004 alles zu mir nach Hause an Musik, was die großen Jahre der rebellischen Jugendmusik zu bieten hatten. Wesentlich war dabei, dass ich diese Phase selbst durchlebt hatte. Ich kannte die Namen, die zu suchen waren, und besaß die Ohren, um unbekannte Klänge zu sortieren. Ich bin damit nun als Konsument satt bis an mein Lebensende.

Das Lebensende der glaubhaften Stars datiert sich mit Kurt Cobains Selbstmord. Den Versuch der unmusikalischen Geldgeier, die Musik Richtung reproduzierbarer Dummfloskelei zu manipulieren, hatte es schon in den Mittsiebzigern und eben wieder ab etwa 1983 bis zur Marktüberflutung gegeben. Ihm trat nun nach Kurt Cobain nichts mehr entgegen. Da werden von Musikhistorikern noch Gestalten wie Michael Jackson und Madonna genannt. Die haben aber mehr Gemeinschaft mit Frank Sinatra und Elvis Presley, als mit Eddie Cochran und den Troggs. Die einen sind Plastik, Plastik, Plastik. Die andern sind hörbar Rebellen, Helden. Pioniere.

Metallica seien glaubhaft, höre ich als Gegenargument. Ja. Der Hard Rock ist eine fette Nische, dem ich applaudiere. Ich applaudiere auch dem „Jahr des Techno“ 1996. Es mag mal, lang ist´s her, glaubhaften Rap gegeben haben. Natürlich wurde von den Geschäftsgeiern dann „Glaubhaftigkeit“ versucht zu verkaufen - da ist Rap die übelste Richtung. Ich nenne hier überlebende Zweige von musikalischen Erfindungen, die auf der Zeit vor Kurt Cobains Tod beruhen (dem Techno ging „acid“ voraus).

Zwischen Leben und Überleben sehe ich aber Unterschiede. Ganz ohne zentrale Leitstars hat sich der Folk-Rock in Europa derzeit zu leckerem Leben entfaltet, mit irre unterschiedlichen Wurzeln von Alain Stivell bis Ougenweide und auch aktuell großer Vielfalt. Da höre ich Musik ohne Investoren-geplättete Manipulation, und es ist nun Musik ohne Helden. Die haben überlebt außerhalb der zentralen Marktmechanismen. Gothik erwähne ich hier auch noch, einfach mal so.

Wir können nun alles spielen. Wir können alles konsumieren. Im Fernsehen zelebrieren sich derweil die Geldorientierer mit Plastikshows. Ein fernes Ziel der Lebendigen ist, dieses Fernsehen als Vermittler von Musik („Deutschland sucht den Superstar“) abzuschalten und abgeschaltet zu lassen.

Ich bin als Konsument, der seine Feinde kennt - in eine Fernsehsendung habe ich 2007 zum letztenmal geschaut - glücklich.

Dummerweise war ich ab meinem elften Lebensjahr auch fanatischer Produzent. Ich habe selbst Lieder auf Datenträger gebrüllt. Als Produzent fühle ich mich verloren. Die digitale Revolution lässt die musikgeschmackfernen Geldärsche zu schrillen Zombies werden: Nichts geht mehr für mich in diesen Resten des Musik-Geschäftes. Und die Konsumenten beklauen mich. Ich soll mich gratis ausziehen. Wenn ich es nicht tue, zerren sie mir die Kleider von der Hard Disk.

Ich sehe mich deshalb mit meinen Produktionen am Rande schleichen. Faktisch habe ich schon 1992, also vor Kurt Cobains Selbstmord, angesichts der frühen Zeichen an der Wand, nicht mehr nach vorne gelebt als Musiker. Ich habe mich nicht mehr um Auftritte bemüht. Ich ließ es auslaufen. Es war amüsante Symbolik, dass sich schließlich der Disney-Konzern meines Künstlernamens bemächtigte: 2004 sah ich dieses Plakat „Findet Nemo“. Soso. Fuck you. Ein Clownfisch.

Wenn ich jetzt diese Homepage betreibe. Wenn ich jetzt ein wenig, ein Hundertstel meiner Produktionen im Internet zeige. Dann hat das einen auch amüsanten Grund: Ich habe Lust dazu. Ich mache das einfach so, launisch und ohne benennbares Ziel. Ich sehe keinen Weg, meine Produktionen zu verkaufen. Life-Auftritte? Fünf etwa pro Jahr. Das wird keine Serie. Es gibt keinen Grund in dieser kaputten Musikwelt, Profi zu sein. Es gibt keine Verträge, die ich akzeptiere. Wir stampfen durch den Matsch aus vielen Hobbymusikern, durch eine überschwemmte Basis, und erleben schreckstarrgeldfixierte Musikvermarkter im Überbau, die unanhörbare Berieselung liefern.

Soll ich mich in „Terminemo“ umbenennen, eine Art Halb-Robot-Musiker in einem Endzeit-Umfeld á la "Terminator"? Ach was, ich kann als Konsument ja nicht meckern, dank Digitalisierung, und als Produzent finde ich mich damit ab: Leute, ich habe die größte Zeit der rebellischen Jugendmusik als Ohrenzeuge miterlebt. Ich habe in all dieser Zeit selbst Musik gemacht und damit aufgehört, als die Zeit auslief, als Kurt Cobain sich umbrachte. Meine Musik singt irgendwie von all dem, aus deutschsprachiger Perspektive. Ich sage das, ich bringe das, und es darf nun sein, dass ich mitten im Lied aus dem Raum gehe. Hallo Freunde. Tschüss Geier.