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Die Absinthkatze

Die Absinthkatze sieht,
was im Absinth geschieht.
Zu weit gehende Veränderung
teilt sie dem Absinth-Trinker mit.

Absinth verändert manche Mauern
zu einem Nebel.
Absinth wird so zum Hebel,
scheinbare Wände zu durchdringen.

Für den Absinthtrinker singen
Warnschilder Lieder zum Erschauern.
Er sieht sie als sprechende Bilder.
Er widerspricht ihnen wie ein Wilder.

Für den Absinthtrinker gleiten
sperrige Steine weich zur Seite.
Er blickt in eine neblige Weite
und kann hinausschreiten.

Die Absinthkatze folgt dem
Trinker auf seinem tastenden Weg.
Der Boden ist lockend angenehm.
Die Zäune des Alltags verbiegen sich schräg.

Wenn dann der Trinker schüchtern
nach verbotenen Botschaften greift,
lässt sie den Trunkenen nicht alleine.
Sie läuft ihm zwischen die Beine,
damit er nicht zu weit hinausschweift.

Die Absinthkatze bleibt so nüchtern
wie eben Katzen sind -
sie haben stets die Vision an ihrer Seite.
Katzen laufen nicht blind
hinaus in besoffene Weite.

Sie können sich auffangen
nach manchem Sturz.
Manch trunkenes Verlangen
bleibt ihnen schnurz.

Und so umschleicht dann
die Absinthkatze
das Absinth-Opfer und hilft, wo wie helfen kann,
mit weicher Tatze.

Sie hat schon man-
chen hochkletternden Bergsteiger
aus seinem Delirium gerettet.
Sie sieht, wohin der Zeiger
seiner inneren Uhr weist.
Sie kann sehen, wohin
sein davontreibender Geist
sich im Trunke bettet.

Den Maler trifft malerische Wucht.
Dem Dichter naht heiße Phantasie.
Doch ach:
Diese Reisenden packt die Sucht.
Ihre Grenze beachten sie nie.

Wessen Ideen im Absinth
zu finden sind,
der greift allzu oft danach,
der durchgeistert die Nacht
und vernachlässigt den Tag.

Wohl dem, der eine empfindsame Katze
dann in seinem Haushalt hat.
Sie führt ihn mit energischer Tatze
aus wirren Gleisen,
aus Fantasiereisen
gelegentlich zurück zum Alltag der Stadt.

Durch diese Stadt nun führe ich euch -
ein Dichter und manchmal ein Maler.
Ich verrate: Nach manch gutem Künstler-Gekeuch
werden alkoholisierte Texte flach
und die Absinth-Bilder schaler.

Die Katzen sind mir nah.
Bei diesem Trank hilft mir kein Hund.
Ich verlor
mich selten, und
mir entgleitet
der Vers nicht.

Ich wahre mein Gesicht
und werde keine besoffene Fratze,
denn mich warnt und leitet -
kurz davor -
meine Absinthkatze.
   

Die Anregung zu diesem Gedicht erhielt ich von einem Gemälde von Lisa Parker, das ich auf einer Steampunk-Tragetasche bei einer Händlerin auf dem DGT 2023 gekauft hatte: https://www.lisaparker.co.uk/